Kilian und der Basketballboom in Ongwediva

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Ongwediva / Namibia. Lange ist es her, dass ihr was von mir gehört habt. Ich denke, es sind vielleicht 5 Monate, vielleicht sogar mehr. Da ist eine Menge passiert, glaub ich. Ich weiß allerdings gar nicht, was ich als das größte, krasseste oder bewegendste Erlebnis beschreiben würde. Ich denke, dass mir das erst in Deutschland bewusst werden wird.

Was mir allerdings vor kurzem, während des zweiwöchigen Besuchs meiner Familie, bewusst geworden ist: Ich bin anders. Natürlich wäre es irgendwie der falsche Ansatz zu behaupten, jeder andere hätte sich verändert. Nur ist es einfach so verlockend bequem den Fehler/ die Veränderung in den Anderen zu sehen als in sich selbst. Also habe ich mir Ende März nach einigen (hoffentlich) liebevollen Schikanierungen eingestanden, dass Namibia mich ganz schön beeinflusst hat. Aber davon war ja auszugehen.  Angefangen bei meinem brutal afrikanischen Akzent, der sich angeblich nicht nur in meinem Englisch abzeichnet, bis hin zu einer – meiner Meinung nach völlig legitimen- gelasseneren Einstellung zum Leben – insbesondere zu Pünktlichkeit, hat mir Namibia seinen Stempel aufgedrückt. Ja es stimmt, das sind sehr oberflächliche Beobachtungen, Sprache und Pünktlichkeit sind nicht gerade charakterdefinierende Eigenschaften, meiner Meinung nach. Trotzdem, deutet das ja nur darauf hin, dass sich an mir eine Menge getan hat. Ich bin definitiv selbstständig geworden, damit hätte ich selbst und wohl noch weniger die Familie gerechnet. Alles Weitere wird sich dann wohl in Deutschland herausstellen. Das wär´s dann erstmal mit egozentrischem Selbstdarstellen.

Viel interessanter sollte es sein, was sich in Ongwediva so getan hat. Ende Januar, fingen die Schul-Ligen an. Meiner Meinung hatten wir uns dermaßen übernommen mit acht Mannschaften für die Grundschul- und sechs für die Highschool-Liga. Ich wurde aber eines Besseren belehrt. Die Wochenenden mit teilweise 7 Spielen hintereinander (wohl gemerkt: nur 2x 10 Minuten), die wir pfeifen coachen und anschreiben müssen, haben uns einiges abverlangt. Aber die Spiele sind bis jetzt ein großer Erfolg. Nirgendwo in Namibia außerhalb von Windhoek (wo alles aufgrund von viel ausgeprägterer Infrastruktur ungefähr 5-mal einfacher ist) gibt es eine aktive Schulliga für Primary und Highschool. Das wir also neben Windhoek die einzigen sind, die das hinkriegen, deutet darauf hin, dass wir es doch richtig gemacht haben.

Neben der Liga wurde ich dann ab Februar von den Open Programs überwältigt. Hatte eigentlich schon ´mal erklärt, dass die Open Programs  die Trainings für alle Kinder, die Bock auf Basketball haben, sind. Beim Grundschul Open Program waren wir im Februar immer mindestens 50-55 Kinder. Nicht selten stand ich  mit mehr als 85 Kindern auf dem Feld. Eine echt coole Sache. Es tat mir nur immer sehr leid, dass es mir total schwer fiel, mit 85 Kindern und einem Basketballfeld ein vernünftiges Training abzuhalten. Trotzdem kommen die Kinder immer wieder, vielleicht auch einfach aus mangelnden anderen Aktivitäten, dennoch freut es mich. Das Highschool Open Program ist da etwas gelassener, meistens sind wir nur zu 30, was alles schon bedeutend leichter macht, ein Training durchzuführen, was auch beim zusehen Spaß macht.

Vormittags bin ich noch immer mit den P.E. Sessions beschäftigt, da helfe ich an drei verschiedenen Schulen den Lehrern etwas und übernehme den Sportunterricht der 4. und 5. Klassen. Das ist immer ganz lustig, weil es an Schulen hier manchmal echt etwas durcheinander ist, gerade was Sportunterricht angeht. Die Kinder haben am Anfang des Schuljahres tatsächlich 1 ½ Wochen auf ihren Stundenplan gewartet, natürlich findet Schule statt und der Unterricht läuft. Allerdings wird dann jeden Tag neu entschieden, was auf dem Stundenplan steht. Das ist eine unglaubliche Gabe, welche die Menschen hier haben. Spontanität. In Deutschland würden wir sowas nur als katastrophales Durcheinander bezeichnen. Namibianer finden aber gerade in dem für uns bürokratisch vernarrten Ordnungsmenschen unglaublichen Durcheinander ihre Ordnungen und schaffen es, total gelassen den Überblick zu bewahren. Das würde ich auch sehr gerne können.

Im März fingen dann die Klausuren an. Das bedeutet für mich sehr wenig Arbeit. Die Kinder müssen zu Hause bleiben und lernen. Ob sie das wirklich machen, bezweifle ich. Jedoch zweifeln die Eltern genauso daran, dass Sport helfen kann, um ein bisschen den Kopf frei zu kriegen. Leider haben die Eltern da etwas mehr zu sagen, als der deutsche Freiwillige. Ich habe die freie Zeit genutzt, um Basketballkörbe zu reparieren und mir vom Direcotrate of Education die Genehmigung zu holen, zwei weitere Körbe an einer anderen Schule zu bauen. Das werde ich im Juni anpacken. Die Schule ging diese Woche dann wieder los, nachdem sie am 28.4. aufgehört hatte. Einen Monat Ferien, eine ganze Menge, meiner Meinung nach, wenn man im Kopf hat, dass die Schule erst am 10. Januar ins neue Schuljahr ging. In den Ferien habe ich dann ein wenig Ferienprogramm angeboten, welches zu meiner Begeisterung auch von 20 Kindern mitgemacht wurde. Letzte Ferien waren wir nur zu acht. Wie auch immer, die Freude ist immer riesig, wenn ich mal wieder mit einem Citybasket Ostercamp Shirt oder einem anderen der zahlreichen Kleidungsstücke, die ich als Spenden mitgenommen habe, zum Training komme. Die Kinder wissen, dass sie dann wieder etwas gewinnen können. Ich möchte die Stücke nicht verschenken, dafür sind sie mir zu wertvoll. Einiges habe ich so dann bei kleineren Wettbewerben als Preis vergeben, den Rest stelle ich in Aussicht, für jeden der es schafft, 10mal hintereinander zum Open Program zu kommen. Jedes Fehlen bedeutet also, dass man wieder bei Null startet. Es gibt einige Kandidaten, die es zu acht Trainings geschafft haben, ohne zu fehlen. Die reiben mir das aber auch ziemlich unter die Nase und erklären mir, dass ich sie bloß nicht verarschen soll und sie dann ziemlich sauer würden. Glücklicherweise habe ich das nicht vor. Belohnung werden dann wohl Sporthosen, da viele Kinder in ihren Schulkleidern Sport machen, da das meistens Anzughosen sind, ist das nicht wirklich ideal.

So ist der Stand der Dinge in Ongwediva. Alles nimmt seinen Lauf und ich erschrecke mich fast täglich, wenn ich auf´s Datum schaue und bemerke, dass ich bald schon wieder zurück muss/darf (nehmt das Verb was euch mehr gefällt). Es fühlt sich wie gestern an,  sich mit den NBBL-Jungs und Stachula im Essener  Stadtpark darauf vorzubereiten, Düsseldorf einen „auf den Arsch“ zu geben. Bei mir ist seitdem jede Menge passiert bei euch mindestens genauso viel. Ich freue mich euch alle wiederzusehen und endlich wieder in geregelter Form Basketball zu spielen. Mal schauen, wie sehr ich dazu noch in der Lage bin. Ich bin zwar fast jedem Tag im Fitnessstudio (habe mir das Ziel gesetzt, bis zum Abflug 140mal zu gehen; bin gerade bei 90/140). Und auch die Senior League läuft, macht aber gar keinen Spaß. Keiner weiß wie man einen Durchstecker gibt oder dass man Pick and Roll nicht nur spielt, um selber abzuschließen. Genausowenig ist den Leuten bewusst, wie man einen großen Spieler verteidigt, was dazu führt, dass ich eher verprügelt als verteidigt werde. Das ist ganz lustig anzusehen, macht aber keinen wirklichen Spaß. Also genießt es, Schiedsrichter zu haben und Teammates, die vielleicht doch mal passen. Man kann das echt nicht genug wertschätzen.

Bis dahin. Euer Kilian

Ach und noch ein kurzer Nachtrag, den Artikel habe ich letzte Woche geschrieben. Gestern habe ich zum ersten mal Training im Open Program für Klasse 3 und 4 angeboten. Ich habe es auch nur eher mäßig beworben. Nichtsdestotrotz waren 50 Kinder beim Training. Es ist unglaublich wie populär Basketball in Ongwediva geworden ist. Das als Beispiel, welches (zumindest mir) ziemlich gut verdeutlicht, dass Basketball in unserer Region auf dem richtigen Weg ist.

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